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Leonardos Bartfusseln

Über Genies: „Die Empfindsamkeit der Giganten“ im Stuttgarter Fitz
erschienen am 18.02.2017 in StZN
von Brigitte Jähnigen

Ein Mobile aus beweglichen Kunststoffverzweigungen, bestückt mit signalroten Glitzerfusseln, schaukelt sanft unter der Bühnendecke. „In diesem System kann sich ganz schnell ein Genie einnisten“, orakelt Christoph Bochdansky. Der österreichische Figurenspieler hat mit seinem Kollegen Michael Vogel eine bizarre Nummernrevue mit dem Titel „Die Empfindsamkeit der Giganten“ erdacht, um dem Wesen von Geistesgrößen auf die Schliche zu kommen. Der eine im schwarzen Anzug, der andere im bordeauxroten Gehrock, spielen sie im Stuttgarter Fitz mit handtellergroßen Marionetten, armlangen Puppen und menschengroßen Figuren ein entfesseltes Stück, in dem das menschliche Gehirn – sinnbildlich geformt als Mobile – ein magisches Zentrum bildet.

„Geist ruft Geist“ – schon hat Michael Vogel Bartfusseln von Leonardo da Vinci im Mund. Charlotte Wilde, eine Magierin an der Musik- und Geräuschmaschine, zaubert dazu orgiastische Orgelhymnen. Die Männer – Bochdansky als prachtvolles Vogelwesen, Vogel als da Vinci – tanzen in tragikomischen Verrenkungen, umgarnen sich, konfrontieren einander mit der Frage: „Wo ist dein Genie?“ Dann umrundet Bochdansky mehrfach mit einer roten Couch die Bühnenmitte, stellt das Möbel ab, Vogel hechtet drauf, Sigmund Freud sortiert Ich und Über-Ich. Als Magier, der sich auch auf Zirzensisches versteht, zersägt Bochdansky den rechten Arm von Vogel – die Zigarre von Sigmund Freud schickt weiter Qualm in die Luft.

In überbordendem Spaß klopfen die Herren Sprüche wie „Randfiguren fressen und sterben, Genies bleiben“, werben für das Lächeln der „Mona Lisa“. Das Publikum honoriert vergnügt die absurd-grotesken Szenen, hört gebannt da Vincis detailliert-grausame Malanleitungen für Kriegsszenerien und ist fasziniert, wenn Michael Vogel im grauen Leichentuch in einem Totentanz bewegliche Skulpturen formt.