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Menschelnde Götter

Die Welt geht unter, die Schöpfung überlebt: Odin im Stuttgarter Fitz
erschienen am 23.06.2006 in Eßlinger Zeitung
von Inge Bäuerle

Stuttgart – Na toll. Da hängen so ein paar öde Götter und Halbgötter in einem Mittelding aus Heimwerkerstätte und einer Versuchsanordnung für Physik-Einsteiger herum. Und die ach so Übermenschlichen bringen nichts zustande, außer Ärger, Toten und noch mehr Göttern. So sieht es aus im Haus von Chefgott Odin und im gleichnamigen Stück im Stuttgarter Figurentheater Fitz. Mit der Inszenierung von Markus Joss sind Asen, Nornen, Walküren, Trolle und andere Figuren aus der altisländischen Edda-Dichtung eingezogen. Und alle haben sie kleine Köpfe, wallende Mäntel aus rechteckigen Pelzstücken und drunter keine definierten Körper. Nichts wirklich Greifbares, wie das eben so ist bei Göttern.

Aber da sind ja noch die Figurenspielerinnen Susanne Olbrich und Stephanie Rinke: Sie füllen die Gestalten in ihrer turbulenten Mischung aus Erzähl-, Material- und Puppentheater mit prallem Leben. Da opfert Odin, der ewig Fragende, ein manchmal leicht autistischer Wissenschaftler auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, mal eben beiläufig sein eines Auge, um beim Riesen Mimir aus der Quelle der Weisheit trinken zu dürfen. Da kloppt sich sein Sohn Thor mit dem Hammer Mjölnir, der gefährlichsten Waffe der Welt, selbst auf den Schädel und geistert fortan als schwachköpfiger HipHopper umher. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Baldur: Die freundlich-milde Lichtgestalt, ein erbärmlicher Hasenfuß mit Strickmütze, ist auf der Stelle tot, als ihn der böse Riese Loki mit einem Mistelzweig ins Herz piekst. Und der weise Mimir gurgelt nur noch erbärmlich, weil ihm der Resonanzkörper fehlt: Er wurde enthauptet und fristet seither in einer Vase sein rumpfloses Dasein. Wie soll das bloß enden, fragt man sich schließlich, wenn aus Odins frühem Frankensteinprojekt, der Erschaffung der Vernunft aus Götterspucke, eine Angela Merkel-Parodie wird, die wortwörtlich im Eimer durch die Gegend hopst.

So finden die beiden Figurenspielerinnen zum Brüllen komische, aber auch poetische Bilder für Odin und seinen Götterclan, den außer Waldorfschülern und aufrechten Wagnerianern kaum noch einer kennt. Dabei menscheln die altgermanischen Götter gerade so wie ihre griechischen Kollegen. Das liegt zum einen am Stoff, zum anderen am respektlosen Erzählprinzip: hemmungslose Vereinfachung, lebhafte und karikierende Illustration mit einem untrüglichen Riecher für den tieferen, sozusagen urmenschlichen Stoff, aus dem die Mythen sind – Liebe, Eifersucht, Habgier, Hass. Stephanie Rinke und Susanne Olbrich schlüpfen nicht nur wie im Flug in alle Rollen, sondern erzählen beispielsweise mit einem Tauchsieder in der Wasserschale von der Erschaffung der Welt. Häufig führen sie zwei Puppen gleichzeitig – oder teilen sich zu zweit den Odin. Die Spezialeffekte liefert Max Bauer. Der Geräuschmacher entlockt Rohren, Dosen und seiner Kehle gleichsam Donnergrollen, Geflüster und Monstergebrüll. Ein bisschen Wagner muss natürlich auch sein. Nämlich dann, wenn die Götter Krieg spielen. Als Walküren sammeln Rinke und Olbrich von einem angedeuteten Heißluftballon aus die Toten in ein Blecheimerchen.

Ganz schön kaputt, diese Welt. Kein Wunder, dass sie untergehen muss. Am Ende, so hat’s die Seherin Wöla, prophezeit, ist kein einziger Gott mehr da. Auch keine Nornen, oder Trolle – und den leise protestierenden Odin lässt der Weltuntergang unter dem flammend rot angeleuchteten Glasdeckel der Spielfläche verschwinden. Nur die beiden Menschen, die Odin und seine Brüder einst geschaffen haben, sind noch übrig. Was aus den beiden so ohne Schutz und Aufsicht geworden ist? Sie oder zumindest ihre Sippen leben wohl noch heute. Und tun es den Göttern gleich. Produzieren Ärger, Tote – und mehr Menschen