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Menschen, Monster, Mutanten

erschienen am 07.10.2017 in STZN
von Brigitte Jähnigen

Wilde & Vogel aus Leipzig zeigen im Fitz ihre Version der Frankenstein-Geschichte: schaurig-schön und durchaus humorig.

Ein paar glitzernde, klebrige Fäden nur und wenige Takte verfremdeter Klassik: So beginnt ein eklektizistisch-opulentes Szenario, in dem das faszinierte Publikum in einen bitterbösen Schaffensprozess gezogen wird. „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ war am Donnerstagabend die erste Stuttgarter Premiere des Projekts „Human – Menschenbilder und künstliche Körper“. Das Leipziger Figurentheater Wilde & Vogel und Johannes Frisch aus Karlsruhe widmen sich an diesem Abend nicht vordergründig der ethischen Frage, ob der Mensch darf, was er kann, sondern der Tatsache, dass er es einfach tut.

Frei nach dem fantastischen Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley (1797–1851) experimentieren zwei Musiker und vier Figurenspieler (zugleich Schauspieler und Sänger) mit dem Schrecken. Denn das hässliche, kleine weibliche Wesen, das auf der labormäßig ausgestatteten Bühne geboren wird, wird zur Mörderin. Bis zur Geburt dieser „Edelfrucht“ werden Textpassagen mit bedeutungschwangerem Pathos zitiert, Teile des Skriptpapiers zerrissen, geformt und mit Pfeffer und Salz bestreut, wird eine Plastikflasche gequetscht.

Und dann ist es soweit: Die Künstler bejubeln „ein durchsichtig Kind, nur viel kleiner“ mit Triumphgeheul. Wie das mit Neugeborenen so ist – jetzt muss das handgroße Stabfigürchen, das auf den Rücken seiner Erzeuger turnt, nur noch wachsen. Als Ich-Erzähler agieren Winnie Luzie Burz, Jan Jedenak, Stefan Wenzel und Michael Vogel in wechselnder Besetzung. Sie berichten, was die britische Autorin über ihren Protagonisten Victor Frankenstein als Projektionsfigur für menschliche Sehnsüchte, Ängste, Unbeherrschtheit und fehlende Demut ersann.

Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, Frankenstein verkörpert das Zerrbild dieses Schöpfungsakts – diese These dient im rasanten Spiel als Vorlage für mehre Transmutationen und zirzensische Experimente. Die Figurenspieler führen Marionetten mit Teufelsgesichtern, tragen Masken nach venezianischem Vorbild, wechseln zu puristischen Totenmasken, vom Figurenspiel zum Schauspiel. Es raucht und stinkt wie in einer Alchemistenküche, wenn Menschen gebrandmarkt werden. Und es ist Schicksal auch der Homunculi, wenn sie Liebe suchen und stattdessen Abscheu ernten. „Warum löschte ich nicht den Funken, den du leichtfertig und frevelhaft entfacht hast“, klagt Dr. Frankensteins Geschöpf.

Erzählt und gespielt wird auch die Story eines Dienstmädchens, in gutem Hause tätig, bis es, „schlecht und verdorben“, zur Mörderin des kleinen Wilhelm, einer weiß-sandfarbenen Marionette, wird. Denn wie immer in der Geschichte menschlicher Hybris entgleitet auch hier die Kreatur dem Schöpfer. Doch, dem Ensemble sei Dank, wohnt auch im größten Schrecken noch ein Trost. „A slumber did my spirit seal, I had no human fears“, singt Winnie Luzie Burz den romantischen Song von William Wordsworth.

Nach all den Mutationen von Puppe zu Mensch und wieder zurück, den Experimenten, bei denen auch eine weiße, armlose, computergesteuerte Hand über den Boden kriecht und schaurige Gefühle auslöst, den illustrierenden und treibenden Kompositionen von Charlotte Wilde und Johannes Frisch hat sich der Regisseur Hendrik Mannes entschieden, den Blick des Publikums auf den Bühnenhintergrund zu lenken.

Eine bemalte Leinwand dient als toter brauner Wald, der bald wie böse Prophetie nach einigen Sequenzen zusammenstürzt – auf einer eilens gebauten Metallstellage formen die Akteure einen weißen Eisberg aus Papier. Hier, so will es die literarische Vorlage, wird das mordende Ungeheuer unter galoppierenden Gitarrenriffs seinen Erzeuger töten.