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Mit Zylinder und Melone

Zwei Künste und zwei Künstler finden sich beim „Nachtkonzert“ des Stuttgarter Fitz
erschienen am 13.12.2016 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Armin Bauer

STUTTGART. Zum „Nachtkonzert“ hatte das Fitz eingeladen, einem Grand Pas de deux für Solo-Kontrabass und Figurentheater. Damit ist es dem Stuttgarter Zentrum gelungen, den Großmeister der Figurentheaterszene Frank Soehnle und seinen neuesten Streich ans Haus zu holen. Gar nicht so einfach, denn der vielgefragte Mitbegründer des Figurentheaters Tübingen, der seine Ausbildung an der Stuttgarter Hochschule absolviert hat und dort jetzt auch lehrt, ist ein Künstler mit vielen, zum Teil weltweiten Verpflichtungen.

Nachtkonzert ist wieder eine jener genialen Expeditionen in neues Land des Figurentheaters, zu denen Soehnle in schöner Regelmäßigkeit aufbricht. Diesmal hat er sich als Partner den schwedischen Kontrabassvirtuosen Jesper Ulfenstadt ausgesucht, der schon in mehreren weltberühmten Orchestern mitgewirkt hat.

Die Anordnung dieses Versuchs, als den man „Nachtkonzert“ bezeichnen kann, lässt sich am besten beschreiben, wenn man davon ausgeht, dass es nicht nur darum geht, zu virtuosem Bassspiel eine Figurentheaterperformance von ähnlicher Virtuosität zu finden. Vielmehr ist es auch das Mühen, einen Einklang zwischen der Musik und dem fantasiereichen Spiel der Figuren zu finden. Ziel dabei ist es, die musikalischen Impressionen zu vertiefen, sie in Kontrast zur Musik zu setzen oder sogar eine neue Wahrnehmung zu schaffen.

Wer Soehnle kennt, der weiß, dass dieser gleichzeitig wieder ein Füllhorn von Ideen ausschüttet, er mit neuen und überraschenden Figuren und Spielweisen die Spannung hochhält und gleichzeitig ein ganzes Kaleidoskop des Spiels der Gegenstände und Wesen seiner Kreativität bietet. In Jesper Ulfenstadt hat er einen kongenialen Partner gefunden, der offenbar Soehnles Neugier auf noch unerforschte Wege teilt. Über eine Stunde lang mit Solo-Kontrabassstücken die Spannung hochzuhalten, dazu braucht es schon meisterhafte Möglichkeiten, die Ulfenstadt wie selbstverständlich demonstriert. Da sind zwei Herren in Zylinder und Melone auf der Bühne, die fast ganz beiläufig tatsächlich die schwierige Verbindung so weit auseinanderliegender Kunstformen schaffen, die eine homogene Ganzheit erzeugen können.

Ulfenstadt spielt in diesem an ein „Nocturne“ erinnernden Stück eine wechselvolle Abfolge von Soloparts, vom Barock bis hin zur Atonalität und vom Jazz und modernen Kompositionen zeitgenössischer Komponisten. Soehnle, meist offen auf der Bühne seine Figuren führend, setzt ebenso immer wieder neue Akzente und beweist wieder, dass er nach wie vor einer der erfindungsreichsten unter den ohnehin sehr innovationsfreudigen Figurenspieler der Welt ist. Da werden schlichte Federn zu bewegten Figuren, Traum- und auch Alptraumwesen vom mehr als mannsgroßen Gespenst bis zu kleinen Fabelwesen, mal beunruhigend und fast schon gefährlich wirkend bis hin zu anrührend. Da wird der Fransenteppich zum hundeartigen Dressurobjekt, da werden aus einfachen Papierblättern Figuren mit Köpfen und verschwimmenden Körpern. Und Soehnle begnügt sich nicht damit, die Spielkreuze auf virtuose Art zu führen, er zeigt immer wieder neue Spieltechniken bis zur Videoeinspielung, die das Bewegungsmuster auf der Bühne durch Lichteffekte völlig verfremdet.

Mal anrührend, mal beunruhigend, immer aber frappierend, wie die beiden tatsächlich zu einer Einheit finden und eine mehr als gelungene, mit sehr vielen Überraschungen gespickte Performance bieten. Dafür: Chapeau!