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Rothschilds Geige

Figurenspiel: Traurig, komisch und faszinierend
erschienen am 25.01.1994 in Südwestpresse

LÖRRACH (do). Ein Varietee-Paar gibt seine Abschiedsvorstellung. Eine Flasche Sekt steht am Boden, zwei Gläser daneben, die Bühne ist sparsam dekoriert. An einer Wäscheleine hängt das Photo von Anton Tschechov. Ein hölzerner Cellokasten, der einem Sarg ähnlich sieht, ein echtes Cello neben der Bühne deutet Carmen-Motive an. Während die Frau anfängt, die Geschichte eines armen, verbitterten Sargtischlers zu erzählen, öffnet der Mann den Cellokasten. Drin sitzt ein kleines fahles Marionettenwesen, übergroße Damenschuhe an den dünnen Knochenbeinchen, die Frau des Tischlers, die an Alter, Armut und Entkräftung sterben wird. Es erhebt sich aus seiner Höhle und beginnt mit gespenstischer Zielsicherheit auf der Bühne herumzuwandern…

Was zum Auftakt der dritten Lörracher Figurentheatertage in der Stadtbibliothek vom figuren theater tübingen geboten wurde, demonstrierte den ganzen Reichtum der Gestaltungsmöglichkeiten zwischen Schauspiel und Marionettentheater in faszinierenden Bildern und Szenen. Rothschilds Geige: ein ganz ruhiges, traurig-komisches Stück um die einfachsten und doch wichtigsten Dinge eines Menschenlebens, als da sind Krankheit, Tod, Einsamkeit, Hass und Trauer über verpaßte Chancen. Von Liebe und Mitmenschlichkeit ist in diesem Armeleutestück wenig die Rede, deshalb erscheint es umso rührender, als der Sargtischler seine Geige vor seinem Tod dem Juden Rothschild vermacht, den er zeitlebens nicht ausstehen konnte, der ihn aber in einer wichtigen Stunde besuchte.

Die Erzählkunst von Ines Müller-Braunschweig faszinierte genauso wie die Virtuosität, mit der
Frank Soehnle der ausdrucksstarken Fadenmarionette das bisschen Leben einhauchte, das die Tischlersfrau Marfa in der Tschechov-Geschichte in ihren letzten Lebenstagen beseelt. Stilistisch sicher und in ihrer Schlichtheit und Symbolkraft weit über ihr bloßes Sein als Gegenstand hinausweisend waren die Requisiten ausgewählt, die eine ebenso stilsichere Lichttechnik in Szene setzte.

Ein tropfendes Wäschestück auf der Leine klopft einen ganz eigenen Rhythmus zum Solocello, das sich hin und wieder, meist sehr leise, dafür aber umso eindringlicher zu Wort meldet, das Schlurfen von Marfas Schuhen oder das nervöse Trommeln des Doktors, der für arme Leute keine Zeit hat, flankieren die Stimme der Erzählerin, die sich hin und wieder in beschwörendem Flüstern verliert. Eindringliche. Momente waren die Zwiesprache der Marionette, die sogar zu atmen schien, mit ihrem Puppenspieler oder der Moment, wo Marf a sozusagen als Beweis für die ehemalige Existenz ihres goldlockigen Kindchens einen winzigen roten Schuh empor hält. Der Arzt, der die kranke Alte untersucht, tut dies, indem er die verzwirbelten Fäden der Puppe wieder entwirrt, ein wunderschöner Einfall der Puppenspieler, der an die vielen Volksweisheiten mit dem „Lebensfaden“ denken läßt. Zum Schluß liegt Marfa leblos mit einer roten Nelke auf ihrem Cello-Kasten-Sarg, die Puppenspieler haben die Fäden endgültig vom Kreuz getrennt, an dem sie festgemacht waren.

Ein ergreifender, bilderreicher, stiller und eindringlicher Theaterabend, der zeigte, dass Figurenspiel eine Kunstform mit unendlich vielen Möglichkeiten sein kann.