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Sehr bewegliche Frauenzimmer im Fitz

erschienen am 11.11.2006 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Man hat Hans Bellmer so ziemlich alles nachgesagt: Fetischismus, Voyeurismus, Sadomasochismus bis hin zu Pädophilie. Eines ist sicher: Bellmer war von der weiblichen Anatomie so besessen, dass er sich sein Leben lang mit ihr beschäftigte, sie zeichnete, fotografierte, in Skulpturen und Grafiken künstlerisch verfremdete. 1933 baute der Künstler Puppen, fetischartige, deformierte Frauenleiber, die er in verschiedenste Posen bringen konnte. Die Stuttgarter Figurenspielerin Antje Töpfer hat nun solch eine Puppe nachgebaut für ihr Solo „Pandora Frequenz“, das nun im Fitz Premiere hatte. Gemeinsam mit dem Regisseur Florian Feisei erprobt Töpfer die Figur als bewegliches Objekt. Stück für Stück setzt sie sie zusammen: Vorgeformte (magnetische) Gliedmaßen werden mit Metallkugeln miteinander verbunden, sodass ein fragiles, biegsames Wesen entsteht, dem sich die Figurenspielerin vorsichtig annähert. Offene Würfel dienen Töpfer als Requisiten, sie stapelt, reiht und variiert sie, sie nutzt sie als Sessel, Hütte – und als „Frauenzimmer“, wie eine Stimme vom Band immer wieder sagt und allerhand neue Deutungsweisen des Begriffs Frauenzimmer vorschlägt. „Pandora Frequenz“ ist ein formales Experiment, das ruhig und präzise über die Bühne geht und der konstruktiven Kunst näher steht als dem Theater. Die Obsessionen Bellmers oder die radikale Neuerung dieses Surrealisten, beides spielt hier keine Rolle, es ist ein pures, manchmal etwas sprödes Spiel mit dem Körper und mit geometrischen Formen, ästhetisch stimmig, aber inhaltlich ohne Botschaft, (adr)