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Spuren einer lebenslangen Kindheit

Im Fitz!: Meine Schwester Marilyn
erschienen am 15.11.2005 in Stuttgarter Nachrichten

Dieser verklemmte Buchhaltertyp im billigen Anzuggrau mit den abgestoßenen Schuhen will der Zwillingsbruder der Monroe sein? Eines stimmt jedenfalls: Er hängt offensichtlich am Tropf des Mythos der Film diva, projiziert in sie all seine ungelebten Sehnsüchte nach dem ewig Weiblichen.

„Meine Schwester Marilyn“ nannte das Tübinger wonderfool Figurentheater seine von Vanessa Falk als Therapiesitzung inszenierte Bühnenstudie chronischer Fremdbestimmung. Gelenkt von der Stimme einer Psychoanalytikerin aus dem Dunkel, schlüpft der Figurenspieler Christian Glötzner einfühlsam in die Haut eines von seinen Obsessionen Gejagten. Unzählige Dias aus drei Projektoren zeigen den Spieler mit wasserstoffblonder Perücke als Monroe in vie lerlei Posen eines Pin-up-Girls. Gleichzeitig untersucht Glötzner die psychischen Wunden, die Marilyn von Kind angeschlagen wurden: Die Lieblosigkeit der depressiven Mutter nimmt ebenso Gestalt an wie sektiererische Pflegeeltern, schmierige Fotografen und Studiobosse, die diese Norma Jeane Baker als Sexgöttin vermarkten.

Eindrucksvoll: Das Tete-ä-Tete des Spielers mit großem Monroe-Puppe. Begleitet von geheimnisvoll Klangbildern (Musik: Stefan Mertin) hängt sie beim von Karin Ould Chih choreografierten Erotiktanz als willenloses Werkzeug in den Armen eines Neurotikers, der wie Marilyn zeitlebens verschüchtertes Kind geblieben ist. hl