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„Terror im Idyll“. Der taube Hirsch mit der Flinte

erschienen am 11.10.2003 in Stuttgarter Nachrichten

Schönheiten sind sie wahrlich nicht und a bissl deppert wirken sie auch: Mit Sturmhaube und Fangzähnen bewehrt, tapsen sie umher. Schauen und sprechen wie aus dem Tiefschlaf erwacht.  Sie trägt ein Warnschild „Vorsicht Kuh“ auf der Brust. Er hat als Lendenschurz ein Tischdeckchen umgebunden, verziert mit Bildern friedlich äsender Rehe: Zwei Karikaturen, gezeichnet nach dem Personal Ludwig Ganghofers. Ausgeburten der Hässlichen, abschreckende Beispiele der Spezies Mensch, wie sie der König der Trivialliteratur mit Vorliebe durch seine Bergidyllen geistern lässt. Um aber „die holde Illusion“ seiner heilen Welt nicht zu beschädigen, dürfen diese Geschöpfe mit schöner Regelmäßigkeit das Zeitliche segnen.

Doch die so Missbrauchten schlagen jetzt zum ersten Mal zurück. Sie schlüpfen in die Haut der vom Autor geliebten Helden, stellen dessen schwülstigen Kosmos aus unschuldiger Liebe, Stallmist und Jägerfreiheit auf den Kopf.

„Terror im Idyll“ heißt der köstliche Frontalangriff auf die medial geförderte Dominanz der Oberflächlichkeit, die von der Suche nach diversen Stars bis zur Komödienstadl-Gefühligkeit reicht. Astrid Griesbach inszeniert die Koproduktion zwischen Fitz und dem Berliner Theater des Lachens mit dem Blick für das sarkastische Bild. Beim Verwandlungsspiel erweisen sich Hartmut Liebsch und Annette Scheibler als gewiefte Darsteller komisch dumpfer Gefühlsduselei, gepaart mit geistiger Schwerfälligkeit. Stimuliert von leeren Weinflaschen, auf denen Tannenbäumchen wachsen, und Kitsch-Gemälden mit Försterhaus, Berggipfeln und drallem Blondchen (Ausstattung: Stefanie Oberhoff), versuchen sich die von Ganghofer Verachteten trotzig und mit kindlichem Eifer in den Rollen der von ihrem geistigen Schöpfer Bevorzugten – und entlarven sie hinter Masken rotwangiger Einfalt als durchweg debile Dumpfbacken. Dabei mutiert die Wasserleitung zum Alphorn. Der Förster greint, weil ihm der taube Hirsch mit dem wabbeligen Plastikgeweih einfach die Flinte abnimmt. Und eine Handmaske versucht, als dümmliches Girlie ihre vertrottelte bessere Hälfte ins bäuerliche Ehebett zu locken.