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Therapiesitzung der anonymen Atheisten

"Passion der Schafe": Im Fitz wagt sich das Ensemble Materialtheater an die letzten Dinge
erschienen am 07.05.2007 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Gott sieht alles. Pass bloß auf, hat man Susanne immer wieder gesagt, Gott sieht auch deine Gedanken. Auch die bösen Gedanken? Die unnützen? Schließlich ist Susanne so verunsichert, dass Gott etwas Sündiges entdecken könnte, dass sie beschließt, einfach gar nicht mehr zu denken. „Es gelang“, erzählt sie nun, Jahre später, bei den anonymen Atheisten. Eine Gruppe wundersamer Gestalten hat sich da zusammengefunden, reichlich neurotische, zwanghafte, perverse Typen. Hat die Kirche sie so deformiert? „Passion der Schafe“ nennt sich das neue Stück, das nun im Figurentheater Fitz Premiere hatte. Figuren sind zwar nicht mehr auf der Bühne, dafür aber großes Personal: Das Ensemble Materialtheater Stuttgart hat Gäste eingeladen, den Ungarn Gyula Molnär, den Italiener Paolo Cardona und Alexandra Kaufmann aus Berlin.

Jeder hat seine Erfahrungen mit dem Glauben gemacht. Die Akteure haben sich für „Passion der Schafe“ inspirieren lassen von Jose Saramago, Pier Paolo Pasolini und Michail Bulgakow, aber auch Eigenes einfließen lassen bei der Gestaltung der Figuren, die jede auf ihre Weise mit dem Glauben ringt: Da ist einer, der immer gut sein wirf, „aber die Sünden lauern überall“. Er hilft dem Blinden über die Straße, aber mitten im Verkehr dreht er den armen Kerl im Kreis und haut ab. Da ist der Geschäftsmann (Hartmut Liebsch), der alle „über den Tisch ziehen muss“. Oder die lüsterne Lady (Sigrun Kilger), die sich für ihre Sünden geißelt „Ich leide – und liebe es“, sagt sie und zeigt stolz die Lederriemen ums Bein.

„Passion der Schafe“ wagt sich auf heikles Terrain, beim Thema Glauben verstehen Glaubende selten Spaß. Aber so zugespitzt die Figuren sind, so spielerisch und komödiantisch mit der Gottesfrage umgegangen wird, es steckt doch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Rolle von Glaube und Kirche dahinter. Zu Therapiezwecken sollen die anonymen Atheisten das Leben Jesu nachspielen. Sie bedienen sich in freier Assoziation der christlichen Ikonografie, sie spielen die drei Marien, Matthäus, Petrus, Pilatus oder römische Legionäre, aber indem sie die Perspektive verschieben, mal die Psyche, mal die Rolle innerhalb der Geschichtsschreibung beleuchten, wird deutlich, wie Glauben in unserer Gesellschaft verhandelt, abgebildet, tradiert wird. Geschickt vermischen sich die historischen Gestalten mit den Charakteren der Bühnenfiguren, und je bibelfester der Zuschauer ist, desto mehr Zitate und Anspielungen wird er entdecken.

Hier zahlt sich das große Team (das sind außerdem Annette Scheibler und Alberto Garcia Sänchez) aus, und die Regisseurin Francesca Bettini hat die vielen Ideen und Talente der Akteure zu einem stimmigen Gesamtwerk zusammengefügt. Am Ende ist das Spiel im Spiel bei Gott im Himmel angekommen. Sie versuchen mit ihm zu verhandeln, ob er nicht weniger streng sein könne. Aber Gott bleibt hart: Er wolle bedingungslose Liebe, und zwar von jedem.