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Tolle Puppen

Das Festival 'Die animierte Stadt' feiert 30 Jahre Figurentheater in Stuttgart
erschienen am 28.05.2013 in Stuttgarter Nachrichten
von Nicole Golombek

Mit einem Doppelschlag erfand der Marionettenvirtuose Albrecht Roser 1983 in Stuttgart das Figurentheaterzentrum als Spielort und den Studiengang Figurentheater. Zum Jubiläum gratulieren zehn Tage lang junge Künstler aus Europa.

Der erste Trommelwirbel empfängt einen beim Eingang zur alten Musikhochschule am Urbansplatz. Es ist dann aber doch nur ein einsamer Student, dessen Proberaum neben dem Eingang liegt. Im ersten Stock, wo der Studiengang Figurentheater untergebracht ist, wird noch leise, beharrlich ­gearbeitet – am großen Fest. Im Büro der Studiengangleiterin Stephanie Rinke liegen die Programmhefte des Festivals ‚Die animierte Stadt‘, auch die druckfrische Broschüre zum Studiengang. Der wird in diesem Jahr 30 Jahre alt, ebenso wie das Zentrum für Figurentheater Fitz.

Initiiert wurden die heute international angesehenen Institutionen von Ausnahmekünstler Albrecht Roser und seinen Weggefährten. Werner Knoedgens Hochschul-Nachfolgerin Stephanie Rinke und Fitz-Theaterleiterin Katja Spiess machen nun wieder gemeinsame Sache mit ‚Die animierte Stadt‘. Und das bedeutet: wenig Retro, viele Blicke nach vorn. Erstmals findet gleichzeitig das von Studenten organisierte Fest ‚Die wo spielen‘ und das Figurentheater-Nachwuchsfest Newz statt.

Es werden aber nicht einfach nur zwei Festivals zusammengeworfen. Junge Figurenspieler aus England, Frankreich, Spanien, Rumänien, Deutschland und den Niederlanden werden von diesem Donnerstag an zehn Tage lang außerdem die Stadt bespielen, auch dafür gab es Unterstützung vom Innovationsfonds Kunst des Landes. Dies ermöglicht es, Produktionen aus Paris einzuladen wie etwa das Mathematik-Stück ‚Zum t bei n-1‘ (5.-7. Juni im Fitz). ‚Wir wollen zeigen, wie gut vernetzt und vielfältig das zeitgenössische Figuren­theater ist‘, sagt Spiess. Und so viel Sendungsselbstbewusstsein darf sein – man will dies nicht nur im Theater vorführen. Rinke: ‚ Wir verstärken die Präsenz im ­öffentlichen Raum.‘

Es kann also vorkommen, dass Passanten am Schlossplatz plötzlich Teilnehmer einer Performance werden, und sei es nur, weil sie kurz eine Frau und eine Puppe betrachten, die da am Boden liegen. ‚Atempause‘ heißt das Projekt, das alle Aspekte des Festivals vereint. Es ist eine deutsch-französische Koproduktion. Geplant und gespielt wird sie von Künstlern, Studenten und der Stuttgarter Professorin für Figurentheater, Julika Mayer. Und sie wird vom 7. bis 9. Juni an verschiedenen Orten in der Stadt zu erleben sein. Kooperationspartner sind die Galerie Schlich­tenmaier, E+H Meyer und das Kunstmuseum.

Auch an anderen Orten werden Figurenspieler auftauchen – mit dem ‚Narrenschiff‘ (einer Installation von Figurentheaterstudenten) sowie mit einem ‚Kasper-Mat‘, einer studentischen Arbeit von Stefan Wenzel und Samira Lehmann. Sie arbeiten mit einer seit wenigen Jahren ­wiederentdeckten Traditionsfigur: dem Kasper (Einen festen Termin gibt es auch: 1. Juni im Wilhelmspalais). ‚Überhaupt erobern sich Puppen, gerade in multimedialen Arbeiten, wieder einen festen Platz‘, sagt Spiess. ‚D’Arc Visions‘ – Musik, Suse-Wächter-Puppen, Performance – von Figurenspielern aus Berlin sind ein Beispiel hierfür (8. Juni im Fitz).

Stephanie Rinke nickt. Sie sieht sich darin bestätigt, die Studierenden die traditionelle Kunst (Puppe, Marionetten etwa) lernen zu lassen, bevor sie sich damit auseinandersetzen. Dazu passt die Lust junger Künstler, Selbstgemachtes als solches herzuzeigen, live auf der Bühne entstehen zu lassen – wie Jaime Ibanez aus Amsterdam, der alles selber bastelt (‚Who needs an ­audience?‘ am 7. Juni im Fitz). Eine Aufforderung zum Basteln gibt es übrigens auch bei offenen Workshops. Der renommierte Figurenspieler Neville Tranter leitet einen Kurs ‚The Power of the puppet‘ in der ­Alten Musikhochschule (31. Mai, 2. und 3. Juni), aber ein bisschen Bühnenerfahrung sollten die Teilnehmer schon haben.

Weitere Trends? Für junge Spieler ist die Trennung U- und E-Kultur kein Thema mehr. Rinke: ‚Sie bedienen sich des Films, Comics und der Musik.‘ ‚Freischütz‘ ist so eine studentische Produktion, ebenfalls vom Duo Wenzel/Lehmann (an diesem Donnerstag im Fitz). Bei Tim-Burton­Filmen und Comic-Verfilmungen wie ‚Sin ­City‘ bedient sich etwa das Stück ‚City of ­Fear‘, ein Beitrag vom Puppenspielkunst-Studiengang der Hochschule Ernst Busch aus Berlin (2. Juni im Fitz).

Alles jung und innovativ – und gar keine Nostalgie? Nicht ganz. Am 1. Juni findet – neben öffentlichen Studenten-Vorführungen – in einer geschlossenen Veranstaltung im Wilhelmspalais eine Feier statt, bei der auch zurückgeblickt wird auf die Anfänge des Studienfachs und des Theaters. Selbstverständlich ist auch der erste Prüfling von damals mit von der Partie – der heute international bekannte Frank Soehnle.