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Übermächtige Mutter

Eine Hamletfantasie als Puppentanz
erschienen am 25.09.2000 in Allgemeine Zeitung Mainz

Wen. – Von Werktreue keine Spur. Schon der Titel ließ es ahnen: „Exit. – Eine Hamletfantasie“ des Stuttgarter Figurentheaters Wilde & Vogel, zu Gast beim Figurentheater-Festival in den Mainzer Kammerspielen, strotzte vor Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Shakespeares Meisterwerk.

Die Bühne: eine düstere Schräge aus losen schwarzen Brettern mit doppeltem Boden, aus deren „Unterwelt“ die Toten gleich Zombies wieder auferstehen, um ihre Rolle in der Tragödie aufzuarbeiten. Die Figuren: Stoffbündel, die der einzige „menschliche Protagonist“ Michael Vogel zu grausig schönem Leben erweckt.

Vogel ist Hamlet und lädt ein zum „Puppentanz“. Charlotte Wilde begleitet das temporeiche Bühnengeschehen stilsicher mit innovativen Kompositionen auf der E-Gitarre. Geführt von einem sarkastisch-provozierenden Horatio, begibt sich so der Dänenprinz auf knirschendem Bretterboden auf eine Reise in die Vergangenheit, um Erstaunliches, ans Licht zu bringen. Und mit den Worten: „Let’s play it, it’s a nice game!“, ist das Publikum aufgefordert, abzutauchen in ein virtuoses Theaterspektakel, das keine Genregrenzen kennt.

Da gibt es keine langatmigen Monologe, sondern schnelle, staccatohaft aneinandergesetzte Szenen, die die Tragik des zum Handeln unfähigen Hamlet ironisch-bissig durchsichtig machen. Da wird eine verbitterte, vom Leben und der Liebe zutiefst enttäuschte Gertrud an der Seite Hamlets zur melancholisch beseelten Interpretin des Songs „When I fall in Love“. Hamlet macht der Mutter Vorwürfe und ist dennoch vom Willen getragen, sie zu verteidigen, sie für sich zu behalten und, folgt man der Interpretation der Puppen, so scheint es, als sei sie Dreh- und. Angelpunkt für Hamlets Konflikt

So ist die Mutter denn auch die größte Puppe des Stückes, im Gegensatz zum Brudermörder Claudius, der lediglich als apfelsinengroßer Kopf sein grausames Spiel treiben darf. Er ist so klein, wie seine Tat erbärmlich. Bleibt noch eine vom Wahnsinn gezauste Ophelia. Zitat Hamlet: „Für mich sind Gespenster, weg vom Fenster!“ Frech, lebendig, zeitgemäß – ein Bravourstück.