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Vergessene Puppen

erschienen am 18.10.2019 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

„Welt am Faden“ ist eine kleine Veranstaltungsreihe des Fitz zum Saisonauftakt, in der es um die Wurzeln des heutigen Figurentheaters, die Marionetten, geht. Gleich zum Anfang der Reihe gibt es einen besonderen Leckerbissen, nämlich „Strings up“ des Figurentheaters Tübingen. Hinter dem steht, wie nicht nur Insider wissen, mit Frank Soehnle ein Künstler, der einst als Musterschüler des Vaters aller Puppenspieler der Neuzeit, Albrecht Roser, galt. Ihm ist es zu verdanken, dass Stuttgart zu den Zentren des Figurentheaters gehört und über einen eigenen Studiengang und ein reines Theater für animierte Formen, eben das Fitz, verfügt.

Soehnle ist längst eigene Wege gegangen, hat eigene Vorstellungen umgesetzt und gilt dennoch weiter als Meister seines Genres. Für den Abend „Strings up“ hat er Marionetten zusammengetragen, die vom großen Puppenbaumeister Fritz Herbert Bross für Albrecht Roser zwischen den fünfziger und siebziger Jahren gebaut wurden, die aber nie in den Stücken des Meisters gespielt wurden. Diese höchst interessanten Figuren, in unterschiedlichen Stilen und Größen gebaut, wurden nun restauriert und Soehnle hat mit ihnen und für sie zwei Stücke entwickelt, in denen sie ganz im Mittelpunkt stehen.

Dabei bedient sich der Tübinger Meister durchaus auch neuer Spielformen, es ist also alles andere als eine Nostalgieveranstaltung. Soehnle trägt durchaus der Tatsache Rechnung, dass sich der Stil und die Spielweise des Marionettentheaters weiterentwickelt haben. Und so sehen die Zuschauer die wunderbaren Figuren, die so ganz ihr eigenes Leben entwickeln, in „Krimi Lounge“ und in „Totentanz Recomposed“. Hervorragend geführt werden diese Marionetten von den Spielern Hanna Malhas, Leonard Wanner, Frank Soehnle und Christian Glötzner an den von Bross entwickelten Einhandspielkreuzen, die den Könnern eine unglaublich präzise Führung der sehr beweglichen Figuren ermöglichen. Soehnle führt Regie und es verbinden sich scheinbar logisch die alten Figuren und eine moderne Dramatik, eine zeitgemäße Spielweise zu zwei spannenden Stücken. Getragen werden diese auch von der Musik – im surrealen Geschehen der „Krimi Lounge“ neu komponierte Musik von Stefan Mertin und Johannes Frisch sowie im „Totentanz“ Max Richters „Vivaldi Recomposed“. Dazu setzt Soehnle im Krimi auch filmische Mittel ein, ganz im Stile der Entwicklungen. Dazu zeigen die „vergessenen Figuren“, dass sie durchaus auf der Höhe der Zeit mithalten können und zeitlos sind in ihrem Fantasiereichtum und ihrer Funktionalität.