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„Zum Glück gehen nicht alle“

erschienen am 20.09.2016 in Stuttgarter Zeitung / Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

In Stuttgart fehlen für Figurenspieler bezahlbare Mieten und Probenräume, beklagt Katja Spiess, künstlerische Leiterin des Fitz. Die Folge: Viele Absolventen des Studiengangs Figurenspiels wandern nach Leipzig ab. Interview Die künstlerische Leiterin des Fitz, Katja Spiess, beklagt, dass junge Figurenspieler nach Leipzig abwandern. In der neuen Spielzeit dreht sich im Stuttgarter Figurentheater alles um Mensch und Technik.

Stuttgart. Bezahlbare Mieten, Proben- und Theaterräume sind in Stuttgart Mangelware – und damit für Katja Spiess der Grund, weshalb es hiesige Figurenspiel-Absolventen häufig nach Leipzig zieht. Die künstlerische Leiterin des Fitz erzählt, wie sie dem Mangel begegnet und wie die Spielzeitpläne aussehen.

Frau Spiess, warum verlassen Stuttgarter Absolventen nach dem Studium die baden-württembergische Landeshauptstadt?

In Stuttgart fehlen bezahlbare Mieten, Proben- und Präsentationsräume. Die Verschränkung von analogem mit digitalem Spiel erfordert größere Räumlichkeiten. Leipzig ist derzeit die Stadt, die Berufsanfängern auch im Figurenspiel offenbar die besseren Bedingungen bietet. Zum Glück gehen nicht alle, ein paar bleiben.

Welche Möglichkeiten hat das Fitz, Proben- und Aufführungsräume zur Verfügung zu stellen?

Trotz Spielpause wurde den ganzen Sommer im Fitz geprobt. Allerdings sind uns wegen der benachbarten Großbaustelle enge Grenzen gesetzt. Unseren Bühnenraum tagsüber zu bespielen ist wegen des Lärmrisikos ganz unmöglich.

Das Motto für die Spielzeit 2016/17 lautet „Möglichkeit Mensch“ . Verhandelt werden Fragen wie „Was ist Menschlichkeit“ in einem Zeitalter, in dem lernfähige Maschinen, menschenähnliche Roboter und digitale Selbstoptimierung immer mehr in die Existenz der Menschheit eingreifen.

Der Mensch schafft solche „Wesen“ und damit das Risiko, dass diese künstlichen Systeme die Kontrolle seines Seins dominieren. Hinzu kommen globale soziale Verwerfungen und die Verrohung des politischen Diskurses, dem sich das Figurentheater mit seinen Mitteln stellen muss. Spieler und Puppe stellten im Dialog schon immer Spiegel auf, in denen sich der Zuschauer erkennen konnte. Sehr anschaulich zeigt das unsere Eröffnungspremiere „Die zweite Realität“.

Inwiefern?

Meinhardt Krauss Feigl, unsere Spezialisten für Theater und Medien, reagieren in ihrem letzten Teil der Tetralogie „Katalog der großen Kränkungen der Menschheit“ nach Sigmund Freud auf den Zeitgeist mit einer multimedialen Theaterperformance. Zum Einsatz kommt ein Video- und Soundtracksystem, in dem die Künstler durch ihr Agieren Bild und Ton bestimmen. Da stellt sich schon die Frage: Wird der Mensch der Technik Herr? Kann er sich aus der Rolle des Ausführenden befreien?

Der Produktion „Die zweite Realität“ folgen weitere 13 Premieren, darunter acht Uraufführungen, dazu kommen Ausstellungen und Wiederaufnahmen. Wann wird das Fitz mit seinen begrenzten Möglichkeiten sein räumliches Limit überschritten haben?

Es bleibt der besondere Charme des Figurenspiels, dass immer noch Künstler mit tourfähigen Inszenierungen durch die Lande ziehen. Doch es ist schon heute so, dass wir Ensembles mit aufwendigeren Produktionen, die wir unserem Publikum sehr gern zeigen würden, nicht einladen können. Manchmal scheitert es einfach nur an der Raumhöhe von 3,57 Metern.